| Ich bin nicht selbstverliebt genug,
um nicht genau zu wissen, dass das folgende niemanden interessiert
und ich wäre ein Narr, wenn ich darauf bestünde, dass es wahr ist.
Digital Fotografie schafft eine neue Art der Kunst.
Ähnlich der Abkehr von unitären Kunstwerk hin zur "Kunst im Zeitalter
der beliebigen Reproduzierbarkeit" bei Andy Warhol, erleben wir
derzeit einen Wandel in der Fotografie, vom fachmännisch erarbeiteten
Lichtbild hin zum "authentischen Schnappschuss".
In einer Zeit, wo
Digitalkameras allgegenwärtig sind, bleibt kein Ereig-
nis
undokumentiert.
Gute Fotos entstehen heute (der statistischen
Wahrscheinlichkeit folgend)
unvermeidbar und direkt proportional zur
Menge
der Auslöse-Klicks in
beliebigen Momenten.
Nicht die authen-
tische Vision
des Fotografen ist
länger Ursprung des
Bildes,
sondern
sein Glück - oder das eines beliebig anderen - zur rechten Zeit am
rechten Ort zu sein.
Das Bild dieser Ausstellung ist ein Schnappschuss
grösstmöglicher
Beliebigkeit, vom Esenser Balthasar Markt 2005.
Es zeigt Menschen,
die sich bei einer Vorführung amüsieren.
Es ist zwar einmalig und
zweifelsfrei authentisch, trotzdem in inhaltlicher,
künstlerischer oder
ästhetischer Beziehung grundsätzlich wahlfrei
austauschbar, gegen
jedes andere Bild einer ähnlichen Situation,
wie es jeden Tag wohl
beliebig oft entsteht - oder entstehen könnte (dieser Unterschied ist
völlig irrelevant).
Wir nehmen diesen Schnappschuss und
erheben ihn in den Status
eines höchst beachtenswerten Bildes. Wir
pervertieren seine Beliebig-
keit und machen sie zur Komplizin unserer
Eitelkeit, indem wir es in
die
Farbe der Begierde tauchen und
- zerlegt in 54 Tafeln - in die Auf-
merksamkeit des Betrachters peitschen.
Die Nichtigkeit schlägt Kapriolen
und wir finden uns einmal mehr an
vorderster Front, im "Vernichtungskrieg der Megapixel".
Feiern Sie mit uns jetzt also eine vergangene Gegenwart.
"Die obskure
Offenbarung des Ewigen Jetzt"
in Gestalt einer fotografischen
Konserve.
In unscharfen Abbildern zerschmilzt die konkrete Erinnerung zur
berauschenden Ästhetik des Vergessens.
Die Realität wird zu der
Farce,
die sie wohl tatsächlich ist.
Elmar Spreer, Juli 2007
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